Donnerstag, 29. Dezember 2016

Wildpinkler und Penisneid

Manneken Pis, Brüssel,
Wiki Commons/Mirabella CC BY-SA3.0


Prof. Egon Willich ist Leiter des in Potsdam siedelnden universitären Instituts für soziologische Psychoanalyse. Er gilt weltweit als Fachmann für die postmoderne Freudforschung, als Anhänger dessen Lehren er sich nie verborgen hält.

RL: Herr Prof. Willich Sie sind einer der engagiertesten Freudanhänger der Gegenwart und dafür weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums berühmt…

Willich: Das ist zu viel der Ehre, wenn ich Sie unterbrechen darf, wo kann ich meine Aktentasche abstellen?

RL: In der Garderobe.

Willich: Nein, das ist mir zu weit, ich führe einige Belege in ihr mit, ich benötige sie daher stets in meiner Nähe.

RL: Neben ihrem Sessel würde sie wohl auch niemanden stören.

Willich: Danke. Also in der Tat bekenne ich mich zu Siegmund Freud und seinen Lehren und ich bin überzeugt, dass gerade die gegenwärtigen enormen neurobiologischen Fortschritte seine Kritiker – ja eigentlich möchte ich sie mit einem Modewort belegen: postfaktischen Kritiker - eines Besseren belehren werden. Wissen Sie, Freud konnte den Menschen ja noch nicht ins Gehirn schauen und alles gewissermaßen nur von außen her, der Erscheinung nach notifizieren. Aber ohne seine Einsichten würden wir die Wege, die sich uns heute hier offenbaren, niemals verstehen können.

RL: Nun, gerühmt wurde und wird er nach wie vor, aber es gab und gibt da auch heftige Gegenreaktionen…

Willich: Selbstredend, wie sollte es auch anders sein. Was Freud uns verstehen ließ, liegt zu nahe am Leben und greift zu unmittelbar in vieler Menschen Selbstverständnis ein…

RL: Wie etwa das der Feministinnen?

Willich: Das musste natürlich so kommen. Sie denken an seine Vorstellung vom Penisneid der Frauen, eine Provokation für unsere modernen Feministinnen. Das meinte ich gerade mit postfaktisch, also in der Bedeutung sich den Tatsachen zu widersetzen.

RL: Können Sie uns ein wenig seine Theorie erklären.

Willich: Gerne, sehr gerne. Also der leibliche Unterschied zwischen Mann und Weib kann hier nun kaum geleugnet werden. Aber schon die Annahme, dass solche Unterschiede Implikationen mit sich führen, übersteigt die Wahrnehmungsfähigkeit mancher Kritiker oder muss ich KritikerInnen sagen? Freud beschrieb nun, dass kleine Mädchen schon im Alter zwischen drei und fünf Jahren diesen Unterschied bemerken und ein solches Glied an sich vermissen. Sie erfahren diesen Umstand als einen Mangel, der sich auch in einer besonderen Beziehung zu ihrem Vater, dem es an diesem Teil gerade nicht mangelt, niederschlägt. Sie fühlen sich der männlichen species gegenüber unterlegen, als seien sie kastriert, was in ihnen ein starkes Neidgefühl erregt, mithin den Penisneid. Dieser beeinflusst fürderhin ihr Verhältnis zum anderen Geschlecht, vielleicht weniger im Einzelnen, aber umso mehr jedoch, wenn es ums Allgemeine geht.

RL: Dazu gibt es aber viele gegensätzliche Meinungen, auch manche Vorwürfe gegen Freud.

Willich: Ja, ja , in der Tat. Man hielt ihm vor, ein Propagandist des Patriarchats zu sein, manche milderten den Vorhalt auch ab, er könne sich der Indoktrinierung durch eine patriarchale Gesellschaft schwerlich entziehen. Weibliche Psychologen oder muss ich von weiblichen PsychologInnen sprechen, stilistisch ein Hendiadyoin, also, wie dem auch sei, sie konterten mit dem Gebärneid des Mannes, manche auch mit einem Stillneid. Nun gibt es durchaus Kulturtheorien, die die Wandlung einer matrilinearen Gesellschaft zu einer patriarchalen durchaus mit der Erkenntnis der eigenen männlichen Zeugungsfähigkeit in Verbindung bringen, aber das sind gesellschaftliche und kulturelle Erwägungen, die zumindest in der unmittelbaren Wahrnehmung im Rahmen einer frühkindlichen Entwicklung noch keine Wirkung zu erzeugen vermögen. Jedenfalls war und blieb seitdem die Theorie über den Penisneid ein rotes Tuch für viele Feministinnen.

RL: Und hat sie sich bewahrweitet oder auch nur bewährt?

Willich: Psychologische Theorien, zumal von soziologischer Wirkungsmacht, können sich natürlich nicht wie naturwissenschaftliche Annahmen bewahrheiten. Aber hier wie dort bemühen wir uns heute ja auch zunehmend nur, den Wirkungsgrad von Theorien auf ihre Hilfe, Zusammenhänge wenigstens zu verstehen, zurückzuführen. Und da mehren sich nun gerade im Verhalten der Menschen, wie etwa im Zusammenhang mit feministischen Forderungen, im soziologischen Bereich Beispiele, die eigentlich nur unter Zuhilfenahme dieser Theorie des alten Freuds wieder einmal in ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Dominanz gedeutet werden können. Hinzutritt natürlich auch, dass unsere gegenwärtige Gesellschaft gerade auf solchem Felde Deutungsmacht den feministisch besonders aktiven Kreisen recht bedingungslos überlassen hat, bis hin zu politischen Generalvollmachten in Gesetzen, die von ahnungslosen Abgeordneten verabschiedet wurden.

RL: Sie meinen den Geschlechterkampf?

Willich: Im Ergebnis schon, aber im Einzelnen wird dies verdeckt durch scheinbar harmlose zivilisatorische oder auch hemmungslose Verallgemeinerung von Missständen in bestimmten, eigentlich abgrenzbaren Bereichen.

RL: Das müssen Sie uns näher erläutern.

Willich: Ja, nehmen sie zum Beispiel das gesellschaftsdogmatisch sicherlich recht harmlos erscheinende Problem des sogenannten Wildpinkelns. Damit ist das von Männern seit je gepflogene Entleeren ihrer Blase in stehender Haltung im Freien gemeint. Die männliche körperliche Konstitution bevorzugt sie hier natürlich ungemein den Frauen gegenüber. Ohne seine Körperhaltung auffallend verändern zu müssen, bedarf es nur der Öffnung des hierfür besonders vorgesehenen Schlitzes der  Hose eines Mannes - bekanntlich seither auch ein modisches Accessoire zur Unterscheidung von Männer- zu Damenhosen, seitdem man auch den Frauen die Verwendung von solchen Beinkleidern erlaubt hatte. Sein zum Entleeren bereites Glied kann ein Mann sogar geschickt mit der Hand verdecken, so dass man zwar der eingenommenen Haltung insgesamt die Handlung zu entnehmen vermag, aber ohne sich etwa dabei entblößen zu müssen -natürlich eine Hemmschwelle für jede weibliche Wildpinkelei, mit der zudem auch ein tiefes Abtauchen in eine Hocke, eine durchaus auch als unterwürfig zu deutende Haltung, ganz knapp über den Boden ausgeführt, verbunden wäre. Vereinfacht gesagt: während die männliche Entleerung selbst in der Öffentlichkeit leicht, oft sogar ganz unauffällig erfolgen kann, stößt das weibliche Pendant der Handlung zumeist auf unüberwindbare Hindernisse. Das setzt sich selbst auf den für die Entleerung vorgesehenen Orten fort. Hier stellt es ja ein alt bekanntes Problem häuslicher Hygiene dar, dass die Männer zum Pinkeln nur ihren Hosenschlitz öffnen, um stehend ihr Wasser abzulassen, ein Vorgang der bereits nach physikalischen Grundsätzen nie ohne unkontrollierbare side effects zielgenau zu bewirken ist. Und denken sie dann noch an die Bevorzugung der männlichen Entleerung selbst beim Gebrauch öffentlicher Toiletten. Während sich, natürlich baulich durch eine weitaus geringere Raumbeanspruchung begünstigt, in kurzer Zeit auch eine größere Anzahl der Männer dort entleeren kann, stehen die Frauen in oft langen Schlangen wartend vor den wenigen WC-Abteilen bis in den für alle Geschlechter zugänglichen Bereich hineinreichend und sind dort nicht selten den mitleidvollen Blicken der wieder rasch aus dem Pissoir zurückkehrenden Männern ausgesetzt, von deren oft wenig verständnisvollen Bemerkungen ganz zu schweigen.

RL: Diese erleichterte Fähigkeit zum Entleeren der männlichen Blase hat natürlich auch andere unangenehmen Folgen. Die Männer entleeren sich überall, in jedem Winkel. Der Gestank legt hinreichend Zeugnis. In dem einst beschaulichen Freiburg in Breisgau wurden dieser Tage nicht nur zwei Frauen missbraucht und ermordet, sondern auch ein Wildpinkler beim Urinieren in einer Telefonzelle nahe dem altehrwürdigen Münster von zwei Männern erschlagen.

Willich: Natürlich führen wie stets im Leben erleichterte Bedingungen sehr rasch zum vermehrten Missbrauch. Damit wird dieser Gebrauch im Übrigen und als solcher aber nicht ebenso missbräuchlich. Nur weil man im Stehen rasch ganz einfach überall sein Wasser lassen kann, auch an den unerwünschtesten Stellen, diskriminiert dies nicht eine jede dieser Handlungen und dass, sich im Stehen zu entleeren, von vorneherein gewissermaßen schon der Natur nach mit der Gefahr verbunden wäre, dies rücksichtslos an jedem denkbaren Ort zu erledigen, wird von mancher Seite recht polemisch zwar behauptet, aber ist ein Argument, mit dem man jede Freiheit zugleich verbieten könnte, denn Freiheit lebt natürlich davon, ihre Grenze auch überschreiten zu können. Ihr ethischer Inhalt ist es gerade, bestimmte Dinge, obwohl man es könnte, nicht zu tun. Wenn aber ein solches Totschlagsargument angeführt wird, führen deren Apologeten regelmäßig ganz anderes im Sinn. Lee Kuan Yew, der langjährige erste Premierministers und gewissermaßen der Gründer des modernen Singapurs berichtete im hohen Alter über die Schwierigkeiten, die er hatte, es den Männern abzugewöhnen, in den Kabinen der Aufzüge der immer höher werdenden Gebäude zu urinieren. Denn die meisten seiner Bürger kamen aus einfachen ländlichen Verhältnissen, wo man es gewohnt war, seine Notdurft gerade dort zu verrichten, wo man sich unbeobachtet wähnte. Diese Voraussetzung erfüllten natürlich Lifte stets dann, wenn sie nur von jemandem allein benutzt wurden. Es bedurfte über viele Jahre einer sehr harten Hand, mit drakonischen Strafen, diese Art des Wildpinkelns erfolgreich zu bekämpfen. Niemand wäre dabei aber auf die Idee gekommen, allein in der Möglichkeit, sich im Stehen zu entleeren, den Grund allen üblen Gestanks in den Aufzugskabinen zu finden. Das aber, und hierin besteht der wesentliche Unterschied zu bloßen ordnungspolitischen Maßnahmen, wollen diejenigen, die nunmehr über den Vorwand, die unappetitlichen Auswirkungen des wilden Pinkelns zu beschränken, das Übel gewissermaßen an der Wurzel, das ist der im Stehen freigelegte Penis, auszurotten und im Übrigen die Männer, wenn nicht in die Hocke, dann wenigstens auf die Knie zu zwingen.

RL: Sie meinen, die Verbote des Wildpinkelns zielen weniger auf die Vermeidung der Verschmutzung als auf die mit der Entleerung im Stehen verbundenen möglicherweise auch im Sinne eines Patriarchalismus zu deutenden Geste?

Willich: Natürlich wollen etwa die Ordnungsämter der Städte, die Geldbußen für freies Urinieren in öffentlichen Einrichtungen verhängen, nur die Verschmutzung in Gebäuden und Anlagen ahnden, und mehr noch Anreize schaffen, sich hinreichend bis zur nächsten Toilette zu beherrschen. Dieses Motiv wird aber der zunehmenden Problematisierung dieses Themas nicht mehr gerecht. Denn der Kreis rechtlicher Regeln, die sich mit diesem Phänomen befassen, weitet sich immer weiter aus, von der Erregung öffentlichen Ärgernisses bis hin zu den Tatbeständen des Sexualstrafrechts, wie das Verbot der zur geschlechtlichen Erregung erfolgenden Zurschaustellung männlicher Geschlechtsorgane, also eines exhibitionistischen Verhaltens. Die Vehemenz, mit der in bestimmten Kreisen über Formen des freien oder auch wilden Pinkels diskutiert wird, belehrt uns eines sehr viel Weiteren; hier kündigt sich ein neuer Kulturkampf mit feministischen Zielsetzungen an.

RL: Das ist starker Tobak.

Willich: Mag so scheinen, ist es aber nicht. Denn man kann diesen Angriff auf die männliche Sonderstellung im Hinblick auf den von der Evolution ermöglichten vereinfachten Zugang zu seinem Geschlechtsglied in vielen Lebenslagen durchaus in einem weitaus allgemeineren Zusammenhang stellen.

PL: In welchem?

Willich: Bleiben wir noch beim Entleeren der Blase. Selbst im privaten Bereich finden sich überall Bemühungen, die Männer gewissermaßen in die Knie zu zwingen, indem man ihnen ein schlechtes Gewissen bereitet, man kann das heute auch mit unkorrektem Verhalten umschreiben, wenn sie sich nicht genauso wie Frauen in sitzender Weise entleeren – dem können sie nur dadurch entgehen, dass sie sich wirklich vor die Kloschüssel hinknien und die Schüssel wie ein Urinal benutzen, mithin eine Haltung ähnlich demütig einnehmen wie Frauen bei einem Versuch des Wildpinkelns ihrerseits in der Hocke. Und mehr noch: mittels der Vorstellung von einem Genderklo will man den Männern ihre Pissoirs gänzlich abgewöhnen, nunmehr haben sie sich wie Frauen gemeinsam in die Reihe zu stellen, um auf eine frei werdende Kabine zu warten. Die Schweden sind gerade dabei, dies auch den Männern aufzuerlegen.

RL: Nun über das Genderklo wird ja doch aus anderen Gründen diskutiert, etwa um geschlechtsneutrale oder umgewandelte Personen nicht zu diskriminieren.

Willich: Genau das meinte ich mit der Problemverschiebung, ein Problem wird herausgegriffen, um etwas ganz anderes zu bewirken. Die Frage der Genderdiskriminierung auf öffentlichen Toiletten betrifft eine Gruppe von Personen, die sich im winzigen Promillebereich der möglichen Nutzer bewegt – die aber angeführt wird, um den Männern endlich ihre atavistische Art des Urinierens auszutreiben. Ja mehr noch, nunmehr haben die Genderaktivisten gar die Forderung erhoben, den Schlitz in den Männerhosen zu verbieten, sie sehen hierin eine Diskriminierung der Frauen, denen grundsätzlich nur Hosen mit verschlossenem Zugang im Schritt angeboten werden.

RL: Ist das nicht nur eine Frage eines modischen Accessoires?

Willich: Sollte man meinen, aber hören Sie sich nur einmal die Argumente an. Der Schlitz im Schritt der Hose sei stets ein Merkmal männlicher Vorherrschaft und Beherrschung gewesen. Zu der Zeit, als den Frauen solche Beinkleider zu tragen noch verwehrt war, besaßen manche von ihnen lange Unterhosen mit einer Öffnung mittig im Schritt, die in manchen Regionen auch Schnellpisser genannt wurden. Das sei aber nicht der einzige Grund hierfür gewesen. Denn er spiegelte den Männern die Macht vor, jederzeit über das Geschlecht der Frauen auch verfügen zu können – was auszuüben ihnen wiederum der rasche Griff zur Öffnung des Schlitzes der eigenen Hose ungemein erleichtert habe.

RL: Das scheint nun wirklich weit hergeholt zu sein….

Willich: Natürlich nur dann, wenn man das Argument als wirklich ernst gemeint betrachten würde, aber tatsächlich geht es nicht um den sexuellen Missbrauch, sondern schlicht darum, den Mann in seinem freieren Zugang zu seinem Geschlechtsteil zu beschränken. Ja, betrachten Sie doch einmal die Diskussion zur Prostitution. Frauen, die ihren Körper gegen Geld verkaufen, hat es jedenfalls unter dem Patriarchat schon immer gegeben. Dies galt als unvermeidbar, um den weitaus unbändigeren Trieb des Mannes, seine Spermien in Verfolgung der Evolution zu verteilen - gemessen an dem deutlich geringeren Bedarf der Frauen, ihre um  Dimensionen kleinere  Anzahl an Eiern zu befruchten - beherrschbar zu machen. Manche gingen sogar soweit, in der Prostitution eine Einrichtung zum Schutz der Monogamie zu sehen, hierzu gibt es bekanntlich Aussagen namhafter Kirchengelehrter wie den heiligen Thomas von Aquin. Wir haben es heute, nicht ganz ohne Mitschuld von blauäugigen Liberalisierungen auch unter Beteiligung feministischer Kreise, mit weitverbreiteten Missständen auf dem Feld der Prostitution zu tun, deren schlimmste Form die Zwangsprostitution und der einhergehende Menschenhandel ist. Was sind die Gegenreaktionen? Eine Kriminalisierung aller Männer, die Frauen aufsuchen, die sich ihnen gegen Entgelt hingeben. Da ändert nichts daran, dass sich ganze Scharen von Frauen offen dazu bekennen, sich freiwillig ohne Zwang dazu bereitzufinden, wie eben schon seit Menschengedenken üblich. Das Problem der Zwangsprostitution wird also verwandt, um der Prostitution gänzlich den Garaus zu machen. Das zielt natürlich wiederum auf den Teil, der im besonderen Maße kraft seiner evolutionären genetischen Veranlagung hierauf angewiesen ist, das sind die Männer mit ihrem recht einfach verwendbaren Gliedern und ihrer genetischen Determination. Nebenbei stärkt eine Einschränkung der Prostitution erheblich die Macht der Frauen über die Männer, deren Anforderungen an die Eigenschaften der zum Verkehr bereiten Geschlechtspartner damit natürlich sinken, wie auch deren (nicht unbedingt pekuniär verhandelten) Preise dafür entsprechend steigen. Kulturhistorisch war die Prostitution schon immer vielen Frauen ein Dorn im Auge, weil sie es den Männern erlaubte, sich aus ihrer triebhaften Abhängigkeit von bestimmten Personen zu befreien.

RL: Simplifizieren Sie hier nicht doch die Beziehungen der Geschlechter zueinander zu stark, Herr Professor?

Willich: Keineswegs, schauen Sie (greift zur Aktentasche), ja, hier, eine brandneue soziologische Studien über Genderverhalten: während 46 % der befragten verheirateten oder seit mehr als einem Jahr in einer festen Partnerschaft lebenden Frauen davon überzeugt sind, dass ihre Männer sexuell auf sie angewiesen sind, sind nur 8 % der Männer der gleichen Meinung in Bezug auf ihre Partnerinnen. Da kann es doch kaum noch eine Frage sein, wessen Stellung durch eine generelle Kriminalisierung der Prostitution gestärkt werden würde. Die gesamte Genderdiskussion, von der Prostitution, über das Genderklo bis zur Wildpinkelei, zielt doch eindeutig auf eins: auf den Penis und seine naturgegebene freiere Verwendbarkeit. Manchmal kann ich mich bei manchen Vorschlägen nicht des Eindrucks erwehren: die beste Lösung wäre wohl, ihn einfach abzuschneiden, also die Kastration.

RL: Welche Bedeutung soll denn dann noch dem Penisneid zukommen?

Willich: Freud konstatierte selbst schon bei vielen Frauen das Minderwertigkeitsgefühl, verglichen mit den Männern kastriert zu sein. Nichts liegt näher, als den Spieß einfach herumzudrehen. Das erleben wir in diesen modernen Genderbewegungen, sie sind geradezu der Beweis von Freuds Postulat vom Penisneid. Schauen Sie sich doch diese lächerlichen genderbedingten Sprachdiskussionen um die Bildung eines genderkorrekten Plurals an. Ja was prangt Ihnen da in dem großgeschriebenen I entgegen, um zur genderkorrekten Mehrzahl überzuleiten? Ein stilisierter Phallus, wie ein Malzeichen, das der Schmach vermeintlicher Herrschaft des Penis den Männern überall entgegentritt, sobald sie sich aus ihrer Singularität hinausbegeben. Das ist mehr als bloße Symbolik, das ist Herrschaftsgebaren. Dabei übergehen die FeministInnen (darin beziehe ich die ihr Lied verbreitenden Männer ebenso mit ein, was Sie bitte durch eben dieses großgeschriebene I dokumentieren möchten) die schlichte Tatsache, dass der weibliche bestimmte Artikel „die“ schon aus früheren Zeiten matrilinearer Herrschaft herrührend den Plural feminisiert hatte, damals aus der Erfahrung heraus, dass allein ein Weib aus eins zwei und auch mehr machen zu können schien. Sie sehen, auch Freuds Theorie vom Penisneid wird am schlüssigsten von ihren Gegnern selbst bestätigt, wie im richtigen Leben, denn Dinge, die man benennt, haben es nötig.

RL: Wir danken Ihnen, Herr Professor, für dieses Gespräch und wünschen Ihnen und Ihren Kolleg*innen weiterhin Erfolg bei Ihrer Arbeit. 

Sonntag, 4. September 2016

Datenschutz - Placebo für Habenichtse

Prof Dr. Iwan Raskolnjew steht dem wissenschaftlichen Institut SST Sicherheit System Theorie in Edinburgh, Schottland vor und hat zusammen mit seinen Mitarbeitern eine Studie zur Relevanz von Datensicherheit herausgebracht, die zu dem nicht nur viel beachteten, sondern auch besonders in Europa heftig attackierten Ergebnis kommt, dass weite Bereiche vor allem europäischer Sicherheitspolitik, wie sie sich in vielen Gesetzen und Einrichtungen zum Datenschutz niederschlägt, in ihrer Bedeutung weitgehend irrelevant seien und sich allenfalls als Placebo für Habenichtse, so lautet einer seiner provokanten Thesen, rechtfertigen ließen.

RL:         Herr Professor Raskolnjew mit Ihrer neuesten Untersuchung haben Sie sehr viel Staub aufgewirbelt und Ihnen wird vorgeworfen, die Würde der einfachen Menschen durch den Dreck zu ziehen, wenn Ihre Studie deren Belange zur Sicherheit ihrer persönlichen Daten in Abrede stellt und die Maßnahmen zu deren Sicherung gar als soziales Placebo zur Verniedlichung ihrer Bedeutungslosigkeit anprangert.

Prof. Raskolnjew:           Ich bin Wissenschaftler und allein der Wissenschaft verpflichtet, nicht aber den Leuten, über die wir forschen, auch wenn sie vielleicht unsere Arbeit über ihre Steuern, wenn sie solche überhaupt zahlen, mitfinanzieren. Meinen Eid habe ich darauf geleistet, ihnen trotzdem die Wahrheit zu sagen. Und dieser Schwindel, dass sie alle zu vermeintlichen Daten-Milliardären gemacht werden, gehört nun einmal aufgeklärt.

RL:         Aber sieht es nicht danach aus, wenn sie die Belange des kleinen Mannes aus dem Datenschutz herausnehmen wollen, dass dieser wieder einmal die ganze Rechnung zahlen soll.
Prof. Raskolnjew:           Tja, das sind die populären, man kann eigentlich genauso gut sagen, die wirklich populistischen Schlagworte, um etwas, was es nicht gibt, als vorhanden hinzustellen. Den vielgerühmten kleinen Mann, der zumeist die Lasten tragen soll, den gibt es jedenfalls in unseren europäischen sozialen Gesellschaften schon lange nicht mehr. Der kleine Mann, also diejenigen Bürger, die, wenn wir es weit fassen, der einen Hälfte der Gesellschaft angehören, der zahlt doch überhaupt keine Steuer und von seinen sonstigen Lasten wird ihm statistisch weit mehr als Hälfte seines Aufwandes aus den Mitteln, den die andere Hälfte der Gesellschaft erwirtschaftet wiederum in irgendeiner Form erstattet, weswegen sich unsere Gesellschaften doch schon weitgehend dem Zustand angenähert haben, dass nahezu die Hälfte der Menschen direkt vom Staat und staatlicher Unterstützung leben. Wenn er also bei Verschiebungen oder Kürzungenangeblich die Lasten trägt, dann kann das nur bedeuten, dass ihm nicht noch mehr leistungsfreies Einkommen zufließt, weil die Gemeinschaft nun auch noch diese oder jene andere Pflicht zu erfüllen hat.

RL:         Aber ist das nicht gerade eine der Konsequenzen der ungerechten Verteilung von Vermögen und Resourcen in unseren Gesellschaften?

Prof. Raskolnjew:           So heißt es in der Tat, aber bei genauerem Hinsehen sehen die Dinge schon wesentlich differenzierter aus. Es gibt da die biblische Geschichte, wonach alle 7 x 7, also entmystifiziert alle 49 Jahre jedem alles wieder genommen wird, was er hat, und jeder von neuem wieder bei Null beginnen muss mit dem sich jeweils einstellenden Resultat, dass nach 49 Jahre wieder das meiste dieselben Leute oder Gruppen besitzen, wie vor 49 Jahre. Ist das richtig, dann kann es wohl kaum an der ungerechten Verteilung liegen. Aber das führt zu politischen Diskussionen der sozialen Gerechtigkeit einerseits und dem Vorwurf des unumschränkten Sozialhedonismus andererseits. Von unserer Aufgabenstellung konnten wir nur davon ausgehen, was wir vorgefunden haben. Und es ist ein schlichter Tatbestand: der kleine Mann hat eigentlich nichts.

RL:         Aber umso wichtiger erscheint es dann, wenigstens dasjenige, was er besitzt, zu schützen und das sind immerhin seine persönlichen Daten, die ihn, wenn sie in fremde Hände gelangen, anderen Interessen schutzlos ausliefern würden.

Prof. Raskolnjew:           Seine Daten, genau das war die Fragen, hat der diese wirklich?

RL:         Nun, ganze Wirtschaftsunternehmen bemühen sich doch nun sehr intensiv, ihrer habhaft zu werden und haben darauf ihr Geschäftsmodell gegründet, also müssen sie doch ihren Wert schon haben.

Prof. Raskolnjew:           Hier genau beginnt die Irreleitung. Einerseits beruht alles auf Daten, die in ihrem Zusammenhang jeweils eine Information bilden. Ein jedes Leben, wie auch alles nicht Belebte und jedes Universum lassen sich nur dadurch erklären, dass die jeweils bei ihnen in Augenschein genommenen Zustände dadurch bewirkt werden, dass die an bestimmten Prozessen beteiligten Glieder sich gemäß einer ihnen vorliegenden Information in einer bestimmten dort vorgesehenen Weise mit anderen Prozessglieder abgestimmt verhalten. Die Information besteht aus einzelnen Daten, denen die Prozessglieder die von ihnen erwartete Verhaltensweisen entnehmen. Will ich somit solche Zustände verstehen, muss ich diese Daten kennen. Sie können damit die gesamte Welt, eine jede Gesellschaft alle Staaten und die ganze Welt erklären. Diese Daten sind Allgemeingut, wäre dem nicht so, dann wäre Wissenschaft unmöglich. Hierzu gehört aber nicht weniger auch im Einzelnen die Schicksale der Daten, wie sie von den einzelnen Prozessgliedern aufgenommen und wie sie umgesetzt werden, mit welcher Konsequenz und vieles mehr. Das alles kann keine Privatsache sein.

RL:         Nun gut, wir geben Ihnen recht, wenn es um Zusammenhänge von allgemeinem Interesse geht, wie in Bezug auf die Gemeinschaft oder bei der Arbeit. Aber geht es beim Datenschutz nicht gerade um die nicht funktionalen Bereiche, in den der einzelne Mensch frei von solchen Zwecken über sich selbst bestimmt?

Prof. Raskolnjew:           Das hört sich gut an, ist es aber nicht. Wenn es darum geht, die Daten über mein Techtelmechtel mit meiner verheirateten Nachbarin zu schützen, stellt sich der mögliche Kreis an ihnen interessierter Unternehmen sicherlich ganz anders dar, als wenn es darum geht, wieviel Liter Bier ich kaufe oder aber vielleicht auch jeden Abend trinke. In unserer Studie verneinen wir diese unterschiedlichen Aspekte nun keineswegs, sondern wir greifen sie gerade auf, um sie zu gewichten. Wenn ich einmal konstatiere, dass die ganze Welt mit allen Staaten, Gemeinschaften und Bewohner nichts als ein riesiger Datenhaufen ist, dann gewinnt die Frage nach einem effektiven Datenschutz eine ganz andere Dimension. Denn für mein Techtelmechtel mit meiner vielleicht sogar ausgesprochen hübschen Nachbarin interessieren sich mit Sicherheit nicht der amerikanische NSA oder andere Geheimdienste, wahrscheinlich aber meine Frau. Rechtfertigt dieses Interesse eines eifersüchtigen Weibes aber gesetzgeberische Maßnahmen, anderenorts tätige Sicherheitskräfte bei ihren Erkenntnissen zum Schutz vor terroristischen Anschlägen zu behindern?

RL:         Hola, hola, Herr Professor, vergleichen Sie da nicht Äpfel mit Birnen?

Prof. Raskolnjew:           Durchaus, durchaus, Herr Baron, aber alles und jedes setzt sich aus Äpfeln und Birnen und noch weit mehr zusammen und ist gleichwohl Teil des identischen Datenhaufens. Genau das gilt es zu beachten. Besonders das europäische Modell setzt daher an einem völlig falschen Datenverständnis an. Dabei wird so getan, als seien die Daten Privatsache, nur weil sie das Private in der vorhandenen Form gerade bewirkt haben. Das ist aber nicht der Fall, vielmehr obwaltet hier die allgemeine Kraft des Lebens, die Leben schafft und die unser aller Gemeinsache ist. Und ein jedes Datum, das für mein Leben und meine Sicherheit Bedeutung erlangt oder erlangen kann, wird umgekehrt damit auch zu meinem eigenen Datum und da kann es kein Gesetz geben, dass mir verbietet, von ihm Kenntnis zu erlangen, nur weil dasselbe Datum auch ein anderes bei einem anderen bewirkt. Ich sollte im Gegenteil gerade wissen, was es bei einem anderen so bewirken kann.

RL:         Sollen dann, was die Daten anbetrifft, alle nackt herumlaufen.

Prof. Raskolnjew:            Es ist nun sicherlich keineswegs stets ein Vergnügen, die Nacktheit eines jeden oder auch einer jeden auch erblicken zu müssen. Aber der generelle Ausschluss jeglicher Nudität in Bezug auf Daten zäumt das Pferd von der falschen Seit auf. Daten und damit Information sind grundsätzlich allgemeine Güter und allgemeine Güter stehen einem jeden zu, statt mit Datenschutz die Welt überall mit Zäunen zu überziehen, müssten wir von einer Datenalmende ausgehen, von einer Informationsfreiheit. Denn die Information bedingt das Leben nicht weniger wie Luft und Wasser und niemand käme auf die Idee, ein individuelles ausschließliches Recht auf Luft zu kreieren. Information enthält stets Daten, die auf eine Vielzahl von Fällen angewandt werden können und Information ist immer etwas Allgemeines und daher auch immer frei. Nur in bestimmten Fällen kann sie gebunden sein, wenn sie beispielsweise meine private ist, weil ich sie in meinem Tagebuch für mich allein niedergelegt habe. Dann steht deren öffentliche Zugänglichmachung aber nicht der Datenschutz entgegen (als bloße Information ist sie gerade frei), sondern mein persönlicher Wille und der Schutz meiner Person und meine Würde verlangen dessen Beachtung. Dazu bedarf es keines Datenschutzes, wie andererseits es durchaus Gestaltungen gibt, wo mein Wille gleichwohl unbeachtlich wäre, etwa wenn mein Tagebuch Gegenstand der Ermittlungen in einem Strafverfahren würde. Die Vorstellung von einem Datenschutz vernebelt hier doch nur die Maßstäbe.

RL:         Also sind Sie doch für den Schutz der Daten, nennen das Kind nur anders.

Prof. Raskolnjew:           Keineswegs, nur wehre ich mich gegen die politische Rosstäuscherei. Ich gehe dabei von einer Datenfreiheit aus und akzeptiere wie in bei jeder Freiheit eine Einschränkung nur dann, wenn die Inanspruchnahme meiner Freiheit in die Rechte anderer eingreift. Das ist die übliche Begrenzung der eigenen Freiheit. Das ist nicht einfach, aber halt der Preis der Freiheit.

RL:         Sie nehmen damit aber im Grundsatz einem jedem Datum ihre Privatheit.
Prof. Raskolnjew:            Schon meinen Kindern habe ich zu ihren privaten Geheimnissen erklärt, dass ein Geheimnis doch nur dann ein Geheimnis sein könne, wenn es auch anderen bekannt sei. Ein Geheimnis, dass nur in meinem Herzen tief verborgen ruht, ist kein Datum und auch kein wirkliches Geheimnis, es ist ein schlichtes subjektives Gefühl. Erst wenn es sich datenmäßig objektiviert und Gegenstand einer Information wird, entsteht es als Geheimnis und der geheime Charakter besteht darin, dass ich mir vorbehalte, mit wem ich es teilen will – ohne Teilung aber kein Geheimnis. Damit aber wird auch jedes Geheimnis Gegenstand allgemeine Kommunikation und allein andere Gesichtspunkte können ergeben, es gleichwohl so zu behandeln, als sei es geheim. Das ist aber eine Fiktion, gleichermaßen fingieren wir auf diese Weise das ganze Leben.

RL:         Nichts anderes will doch auch der Datenschutz.

Prof. Raskolnjew:           Vielleicht im Anspruch, aber mit der Konsequenz eine für jedes Leben, sei es das biologische oder das soziale, elementare Freiheit in ihr Gegenteil zu kehren. Und in der Praxis erweist sich rasch das Gegenteil. Mein vor den Augen vor allem meiner Frau geheim zu haltendes Techtelmechtel interessiert naturgemäß wenige andere, gleichwohl würde sich der Datenschutz hierauf erstrecken. Anders wäre es, wenn ich mit meiner Treue Geschäft machen wollte, vielleicht als Politiker einer Partei, die sich für die Wiedereinführung christlicher Lebensgrundsätze stark machen würde. Genau genommen endet die Vorstellung von einem Datumschutz jeweils dort, wo bestimmte vorherrschende Interessen, wie etwa die der Presse, sich entgegenstellen. Oder nehmen wir doch den Bereich des gesamten wirtschaftlichen Lebens, hier heißt es nicht Datenschutz sondern Transparenz, denn es geht dabei um Sozialhedonismus, darum, wieviel ein jeder für sich von dem, was andere schaffen, ergattern kann, um Umverteilung. Wenn sie mich nach diesem Gespräch zum Essen einladen, dann müssen Sie nicht nur meinen Namen, sondern auch, was ich gegessen habe, auf der Rechnung vermerken lassen, damit Sie die Einladung nicht aus ihrer Privattasche zahlen müssen, sonst muss Ihr Chef die Ausgabe als Einnahme auch noch versteuern. Es gibt viele Menschen, die wesentliche Bereiche ihres Lebens mit wirtschaftlichen Aktivitäten verbinden, da gibt es nicht nur keinen Datenschutz, sondern im Gegenteil eine nahezu unbegrenzte Offenbarungspflicht. Was bleibt dann wirklich übrig für den Datenschutz? Ob ich es nun wirklich mit meiner Nachbarin treibe oder nicht oder vielleicht gar mit einem Nachbarn!

RL:         Auch der kleine Mann bricht hin wieder seine Ehe.

Prof. Raskolnjew:            Ganz genau, Sie nehmen es beim Wort. Und hierin liegt gerade der Betrug des Datenschutzes. Einmal gaukelt man dem kleinen Mann, ich meine den der unteren Hälfte, vor, dass er zwar kein Vermögen besitze und zudem weitgehend von leistungsfreiem öffentlichen Einkommen lebe, jedoch über einen wertvollen Schatz an ihn betreffender Daten verfüge, die immerhin Firmen wie Google oder Facebook ihre Geschäftsmodelle hierauf gründen ließe. Tatsächlich gründen diese Geschäftsmodelle darauf, den Informationshaufen, den die Welt darstellt, zu verstehen und ein jeder hat teil an diesem Haufen. Statt dafür dankbar zu sein, dass solche Geschäftsmodelle darauf beruhen, dass sich aus der schlichten Existenz der Masse genügend Gewinn erwirtschaften lässt, um seine Leistungen (von beachtlichem Wert, wie sich leicht erweist, wenn man ähnliche Leistungen aus dem Bereich der vergütungspflichtigen Onlinedienste in Anspruch nimmt) kostenlos anzubieten. Tatsächlich aber besitzen die Daten des Einzelnen keinen anderen Wert als den des Ausschnitts, den seine Existenz am Ganzen bildet. Es verhält sich dabei nicht anders, wenn man dem kleinen Mann erlaubt, seine Claims auf der Allmende abzustecken, also etwas, das nicht ihm sondern der Allgemeinheit gehört. Mit gleicher Berechtigung könnte man ihm auch Anteile am Mond zuteilen, na ja Mond ist vielleicht schon wieder zu nah, nehmen wir lieber den Jupiter, ist der nicht ohnehin nur heiße Luft? Das ist der gleiche Schwindel, wie wenn man jemanden wegen seiner Lebensleistung ehrt. Ein jeder der lebt, lebt halt und das ist keine Leistung. Das Leben selbst ist die andauernde Überwindung des Mangels und des Irrtums, wenn jemand dabei nur lebt, dann tut er nichts anderes, als er tun muss, um zu leben. Solche Ehrungen gaukeln jemandem nicht anders als der Datenschutz vor, eine Leistung erbracht zu haben, wofür er in Wirklichkeit dankbar sein soll, sie ohnehin zu besitzen, nämlich zu leben.

RL:         Wollen Sie denn auf jeden Datenschutz verzichten?

Prof. Raskolnjew:           Keineswegs, im Gegensteil. Nur schlage ich vor, uns auf dasjenige zu beschränken, was auch notwendig ist und das zu schützen, was überhaupt den Bedarf hat, geschützt zu werden. Ein jedes Leben benötigt seinen Raum, der für den Zeitraum seiner Erzeugung möglichst gleichbleibende oder zumindest vorhersehbare das erzeugte Leben beeinflussende Bedingungen enthält. Diese haben wir zu studieren und mit entsprechenden Maßnahmen zu bedingen und auch zu sichern. Wo seit Menschengedenken kein Wasser floss und auch nicht vom Himmel oder sonst wo herkam, bedarf es keines Hochwassersschutzes, wahrscheinlich ebenso wenig auf dem Gipfel eines Berges. Nicht anders verhält es sich beim Datenschutz. Die Daten, wie oft ich meine Schwiegermutter anrufe, gäben kaum ein lohnendes Angriffsziel für Hacker ab. Der NSA hat sicherlich auch wenig Interesse, mein Techtelmechtel mit meiner Nachbarin auszuspionieren und zu wissen, wie oft wir uns treffen. Maßnahmen des Datenschutzes, dieses zu verhindern, wären zudem unangemessen, da es bei geheimdienstlichen Aktivitäten um staatliche Aktionen, auch auf internationaler Ebene, unserer aller Sicherheit wegen geht. Wenn dabei gar die Telefone von politischen Entscheidungsträgern abgehört werden, würde das sicherlich zu einer Frage des Datenschutzes, aber kaum eines allgemeinen Gesetzes oder eines Datenschutzbeauftragten. Professionell würde man Maßnahmen der Gegenspionage oder sonstige der Abwehr erwarten. Auch wenn der Fiskus in nahezu jedes Konto blicken darf, sollte man es nicht anderen Mächten ermöglichen, aber auch würde man dort kaum vom allgemeinen Datenschutz sprechen, zu nahe liegt das eigene fiskale Interesse. Außerdem sieht die Mehrheit dies wieder ganz anders, wenn es zur eigenen Bereicherung führt. Nichts anderes gilt für Industriespionage, hier lassen sich viele weitere Beispiele finden, die eigentlich angestammtes Gebiet für einen Datenschutz wären, wozu aber weder die Datenschutzgesetze noch die vielen Datenschutzbeauftragten überhaupt einen Beitrag leisten können. Nein Datenschutz, das ist eine politische Pille, die man dem kleinen Mann gibt, um ihn seiner tatsächlich nicht vorhandenen Bedeutung zu versichern. Man schafft eine Scheinwährung, wie Spielgeld im Monopoly, mit der sich jeder Habenichts dann reich rechnen kann, politisches Placebo.



RL:         Wir danken Ihnen Herr Professor für das Gespräch und grüßen Sie Ihre Nachbarin.

Dienstag, 8. April 2014

Ärzte: vorgetäuschte Vorsorge




Überteuertes Placebo

Erhebliche Gesundheitsaufwendungen
Mehr als zehn Prozent des deutschen Bruttosozialprodukts, in Zahlen über 300 Milliarden Euro, also in etwa soviel wie der Bundeshaushalt, betragen die gesamten jährlichen Gesundheitsaufwendungen. Betrachtet man die drastische Zunahme der allgemeinen Lebenserwartung, scheint dieser Aufwand auch gerechtfertigt zu sein. Die Menschen werden immer älter. Hundertjährige hat es zwar schon immer gegeben, aber die Chance, dieses einmal als biblisch angesehene Alter zu erreichen, erlangen immer mehr Menschen. Auf der anderen Seite ist die Sterblichkeit von Neugeborenen und Kindern erheblich zurückgegangen, eine Zahl, die statistisch gesehen die Lebenserwartung seit je stark negativ beeinflusst hat. Wer kann daher die Leistungsfähigkeit unserer modernen Medizin und mehr noch die unserer modernen Ärzte vor diesem Hintergrund in Zweifel ziehen? Niemand, möchte man meinen.

Große Leistungsdefizite bei Ärzten
Und doch geschieht dies in der Effizienzstudie des interuniversitären Instituts für Gesundheitsstruktur auf besonders dramatische Weise. Professor Titus Stromhagen hat bei der Vorstellung der neuesten Untersuchung zum Wirkungsgrad medizinischer Einrichtungen mit vernichtender Kritik am gesamten Gesundheitswesen nicht gespart und dabei vor allem die Leistungsfähigkeit einer Berufsgruppe, deren Ansehen in der ihre Leistungen in Anspruch nehmenden Bevölkerung besonders hoch ist, mit der durchschnittlichen Note ungenügend diskreditiert - die der Ärzte. In Deutschland sind ungefähr 350.000 Ärzte beruflich tätig, davon etwa die Hälfte in Krankenhäusern. Nach der Studie liegt dabei der Effizienzgrad im Sinne einer positiven Auswirkung auf die Gesundheit der Bevölkerung günstigstenfalls für etwa 80 % von ihnen bei Null (die durch ärztliche Tätigkeit verschlechterte Volksgesundheit war nicht Gegenstand der Studie). Mit anderen Worten, nach Stromhagens Ergebnissen könne man auf etwa 80 % der Ärzte schlichtweg verzichten, ohne dass sich deren Ausfall negativ auf die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung auswirken würde. Dies gelte ganz besonders hinsichtlich der eingangs erwähnten gesundheitspolitischen Parameter wie dem Anstieg der allgemeinen Lebenserwartung. Dieser Umstand sei als solcher schon seit langem bekannt, so die Tatsache, dass mehr als 75 % des Gesamtaufwands für das Gesundheitswesen ohnehin keine der Gründe betreffen, die für den genannten Anstieg der Lebenserwartung verantwortlich seien. Die Studie habe, so Stromhagen, aber mehr und Deutlicheres an den Tag gebracht, dass nämlich das, was für die Kosten gelte, auch für die Leistungseffzienz der Ärzte zuträfe.

Diffuses Leistungsbild
Angesichts dieser Feststellungen bemühte sich Stromhagen erst gar nicht, mit Spott zu sparen, wie über den angeblichen Wirkungsgrad ärztlicher Diagnosen, wonach bei einem humpelnden beinamputierten Patienten 97 % der beteiligten Ärzten mit dem Verlust eines Gliedes die zutreffende Diagnose stellten. Auch sah er das an sich mehr ironisch gemeinte Bild bestätigt, wonach ein Arzt im Durchschnitt bei seiner Tätigkeit damit beschäftigt sei, 40 ihm bekannte Medikamente möglichst passend auf die vor ihm erscheinenden Patienten zu verteilen, bei besseren Ärzten seien es bis zu 80 Medikamente. Kämen dem Arzt bei dieser Zuteilung dann doch Zweifel, weise er den Beschwerden einen psychosomatischen Ursprung zu. Natürlich bediene sich der Arzt aller ihm erreichbarer Untersuchungsmethoden, vor allem des Einsatzes in seiner Praxis vorhandener und in zweiter Linie auch üblicher und von ihm erwarteter Untersuchungsverfahren, deren Ergebnisse aber zumeist nur durch den Filter der bestehenden Beschränkung der von ihm praktizierten Medikamentenverteilung wahrgenommen werden. Dabei wirkt sich eine weitere festgestellte weitverbreitete Leseschwäche unter Ärzten aus, die ihnen den Zugang über mehrere Absätze sich erstreckende schriftliche Darstellungen zu verschließen scheint, was erst recht für mehrere Seiten umfassende Dokumente gilt. Dies gilt selbst für zusammenfassende Laborergebnisse, zu deren Erhebung im weiten Umfang sie zwar den Auftrag erteilen (was Bedeutung für den Umfang der ärztlichen Vergütung hat), deren einzelne Daten aber nur insoweit überhaupt wahrgenommen werden, wenn normabweichende Resultate als solche farblich oder in einer ähnlich geeigneten grafisch auffälligen Weise auch kenntlich gemacht seien. Daher sei es unter den Kollegen, die auf solche Untersuchungen spezialisiert haben, wie etwa Laborärzte oder Röntgenologen, auch üblich, Ergebnisse in nicht mehr als zwei oder drei Sätzen darzustellen, ungeachtet der Komplexität der jeweiligen Untersuchung.

Kriterium: Diagnosesicherheit
Untersucht wurden unter anderem die Diagnosesicherheit und die theoretische Wirksamkeit angeordneter Therapien. Unter Diagnosesicherheit wird die Fähigkeit eines Arztes beurteilt, anhand der von ihm feststellbaren Symptome zu einer Diagnose mit der höchsten Wahrscheinlichkeit der Symptomverursachung zu gelangen. Schon während des klinischen Studiums wird den angehenden Medizinern dabei die Methode einer Differenzialdiagnose beigebracht, mithilfe derer dem symptomatischen Bild mögliche Ursachen, also gemeinhin Krankheiten, zugeordnet werden sollen. Die Effizienz dieses Verfahrens hängt von zweierlei ab, einmal von einer möglichst vollständigen Erfassung der beim Patienten feststellbaren Symptome, zum anderen von einem fundierten Wissen möglicher Ursachen, also der praktischen und theoretischen Beherrschung des vom jeweiligen Arzt betreuten Fachgebiets. Die Studie hat nun hinsichtlich beider Voraussetzungen gravierende Missstände nachgewiesen, die bei bis zu 80 % der teilnehmenden Ärzte auftraten. Bereits bei der Symptomerhebung fielen ein Großteil der Ärzte damit auf, dass sie sich ihnen bietende Informationsquellen erst gar nicht auswerteten. Besonders gravierend war das Übergehen von Schilderungen der Patienten über ihre Beschwerden, die bis zu in 90 % der Fälle schon gar nicht wahrgenommen wurden. Vielmehr schienen die beteiligten Ärzte überwiegend auf ganz bestimmte Fragestellungen beschränkt zu sein, die ihnen vom vorneherein einen Blick für die vorliegende besondere Symptomatik verstellten und zugleich bereits den Anwendungsbereich möglicher differentialdiagnostischer Betrachtung entschieden einschränkten. In vielen Fällen beschränkte sich die Symptomanalyse bei allen untersuchten Patienten auf die Punkte Rauchen, Alkohol und Fettleibigkeit sowie Bewegungsarmut. Eine Anamnese fiel mithin bei nichtrauchenden und alkoholabstinenten schlanken Patienten schlichtweg aus. Diese Defizite setzten sich im Umgang mit weiteren möglichen Informationen zur Symptomerfassung fort, indem auffallend viele Untersuchungsergebnisse in ihrer Bedeutung für die von dem Patienten beschriebenen Beschwerden nicht erkannt wurden, sondern durchweg eine Ergebniswahrnehmung nur aufgrund stereotypisch verwandter Parameter erfolgte. Die auf dieser erkenntnistheoretisch bereits erheblich reduzierten Basis beginnende eigentliche differentialdiagnostische Leistung führte schließlich in mehr als die Hälfte der Fälle zum vollkommenen Ausfall. Denn ein Großteil der untersuchten Ärzte beschränkte ihre Diagnose auf eine bestimmte und limitierte Anzahl von ihnen praktizierter Verfahren, und übergingen dabei sogar bereits festgestellte Symptome, da sie nicht zu den angewandten diagnostischen Stereotypen passten. Das heißt in der weitaus größten Anzahl ging die Differentialdiagnose schlichtweg ins Leere. Dort, wo sie symptomgerecht gestellt wurde, waren ihre Ergebnisse wiederum in einem erschreckenden Maße von schlichter Unkenntnis des differentialdiagnostischen Umfelds gekennzeichnet.

Kriterium: Theoretische Therapieeffizienz
Die theoretische Wirksamkeit angeordneter Therapien befasst sich mit der grundsätzlichen Möglichkeit einer verordneten Therapie, diagnostizierte Fehlfunktionen zu beheben. Unberücksichtigt bleiben dabei reine Placebo-Wirkungen. Dabei geht es nicht um eine pharmakologische Aussage zur Wirkung eines bestimmten Medikaments, sondern einmal um die Beurteilung, ob angesichts der festgestellten Umstände ein positive Wirkung der Maßnahme überhaupt möglich ist und zum anderen darum, ob Informationen über eine solche Wirkungseffizienz von dem Therapeuten nach seinem Verhalten erkannt werden können. Auffallend war, dass Ärzte überwiegend auf solche Medikamente zurückgriffen, deren breite bis oft unbestimmte weite WIrkungsweise bekannt ist, wie etwa bei bestimmten Antibiotika. Je weniger ein solches Medikament einer ganz bestimmten WIrkung zuzuordnen war, umso häufiger fand es in den untersuchten Fällen Verwendung. Ein differenzierter diagnostischer Befund führte in vielen Fällen nicht zu einer entsprechend differenzierten Verwendung einzelner Medikamente, sondern es blieb in der Regel dabei, vieles über einen Kamm zu scheren. Eine Wirksamkeitskontrolle verschriebener Therapien fand in der ganz überwiegenden Zahl der Fälle nicht statt. Nur in knapp 20 % der Therapien wurden deren Anschlagen vom sie verordnenden Arzt auch nachgeprüft, im Übrigen erfolgte eine Beurteilung nur dann, wenn der Patient wegen Fortbestands der Beschwerden den Arzt von sich aus wieder aufsuchte. Aber selbst in diesen Fällen wurden wiederum nur in weniger als die Hälfte aller Untersuchungen die bereits erfolgte Therapie und mögliche Gründe ihres Scheiterns überprüft, in der Mehrzahl der Fälle wurde aus der begrenzten Auswahl von Medikamenten ein anderes verschrieben.

Von der Mehrheit vorgetäuschte Leistungseffizienz einer Minderheit
Bei der Vorstellung der Ergebnisse seiner Studie legte Stromhagen jedoch besonderen Wert auf seine Feststellung, dass mit dieser negativen Beurteilung keineswegs ärztliche Leistungen generell abgewertet werden würden. Denn Fortschritt und Möglichkeiten medizinischer Therapierung bewegten sich sowohl nach ihrer Diagnosesicherheit und ihrer Wirkungseffizienz (theoretische Wirksamkeit angeordneter Therapien) als auch den anderen Kriterien nach nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau. Dieses Niveau werde aber nicht durch die Tätigkeit der ganz großen Mehrheit der Ärzte begründet, sondern ausschließlich von einer kleinen Gruppe von nicht mehr als 20 % von ihnen. Das Besondere bestehe aber nun gerade darin, dass sich die öffentlichen Wahrnehmung nahezu ausschließlich auf die Tätigkeit und Erfolge dieser Minderheit beziehe. Die große Mehrheit der Ärzte folgt einer hierdurch begründeten Erwartung insoweit, als sie bei ihrer Leistungserbringung vorgibt, zu entsprechenden gleichen Leistungen ebenfalls in der Lage zu sein. Hierauf beruhen die geschilderten Diskrepanzen. Denn in Wirklichkeit täuscht die Mehrheit die Qualität der Leistungen der Minderheit nur vor.

Teure Placebowirkung des weißen Rocks
Im Ergebnis stellt Stromhagen fest, dass das, was hinsichtlich der Kostenstruktur schon seit langem bekannt sei, ebenfalls für die Leistungsstruktur gelte, dass nämlich nicht mehr als 25 % des finanziellen oder persönlichen Aufwands zur Aufrechterhaltung und Verbesserung der Volksgesundheit beitrügen und damit auch erforderlichen seien. Angesichts der Tatsache, dass mehr als 10 % des Bruttosozialprodukts für den Gesundheitsbereich aufgewendet werden, sollte diese Feststellung endgültig Anlass zum Nachdenken über eine tiefgreifende Änderung dieses Bereichs geben. Es ist dabei ohnehin zu erwarten, dass sich mit dem Vordringen der Digitalisierung auch im Gesundheitswesen ohnehin automatisch eine zuverlässigere Erfassung der für die Diagnose erheblichen Symptomatik eines Patienten einstellen wird und im zweiten Schrift damit nicht nur die Basis für eine Diagnose sondern auch die Bandbreite möglicher Diagnosen ( im Wege der Differentialdiagnose) wesentlich und vor allem auch zuverlässiger erweitert werden wird. Auf den mit diesen Hilfsmitteln umgehenden Arzt wird aber man aber niemals verzichten können, indessen auf jene, die betriebsblind nach eingefahrenen Stereotypen in die Kiste ihnen bekannter Remeduren nur greifen und im Übrigen auf die Placebowirkung ihres weißen Rockes vertrauen.